„Harmonie ist eine Strategie“1 Lutz Bachmann, die Goethe Universität und der „Konsens“ der Umbenennung

„Harmonie ist eine Strategie“1
Lutz Bachmann, die Goethe Universität und der „Konsens“ der Umbenennung

Im Senat der Goethe Universität sollte am 18.06.2014 breit und ausführlich über die seit Jahrzehnten überfällige Umbenennung der Postadresse der Goethe Universität in Norbert-Wollheim-Platz diskutiert werden. Nicht nur studentische Initiativen wie die Gruppe Studierende am IG-Farben Campus, die Norbert-Wollheim-Initiative oder der Asta Frankfurt fordern diese Umbenennung; vor allem tun dies Überlebende des KZ Buna/Monowitz – und das schon seit über 10 Jahren. Ihre Anliegen wurden strukturell ignoriert, wenn nicht gar öffentlich abgelehnt. Die Forderung der Umbenennung wurde 2004 Dr. Karl Brozik sel. A. als Repräsentant der Jewish Claims Conference in Frankfurt am Main vorgebracht. In einem Brief an Petra Roth vom 27. März 2004 schrieb das Komitee der Überlebenden des Lagers Buna-Monowitz folgendes:

„Unsere Generation, Zeugen und Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung, stirbt aus. Bevor unser Schicksal nur noch Historie ist, wollen wir dafür streiten, dass Geschichtsvergessenheit nicht Platz greift. Wir appellieren an die Verantwortlichen der Stadt Frankfurt am Main, die Umbenennung des »Grüneburgplatzes« in »Norbert-Wollheim Platz« zu veranlassen: in Ehrfurcht vor den Opfern, in Verantwortung für die Zukunft.“2

Dafür streiten, dass „Geschichtsvergessenheit nicht Platz greift“ wollte das Präsidium der Goethe Uni am 18.06.2014 weniger. Schließlich hatte jenes in einer gesonderten Senatskommission (zu der diverse Mitglieder des Senats „ausversehen“ erst gar nicht eingeladen wurden) ja schon vorab Kompromissvorschläge gemacht. Wo sich die Universität sonst eher bemüht, die Kritische Theorie aus dem Programm der Goethe High Potentials zu streichen, wärmen sie sie in der Benennung kleiner Zufahrtstraßen gern wieder auf. Eine „Horkheimer-Straße“ oder ein „Adorno-Platz“ klingt ja auch nach sonnigeren Zeiten reflektierter Geister als der Name eines Zwangsarbeiters des hauseigenen Konzentrationslagers. Dass es vielleicht gerade im Hinblick auf die Kritische Theorie wichtig wäre, nach einer geeigneten Form aktiver Bearbeitung der deutschen NS-Vergangenheit zu suchen, will niemand hören…
So sollte dann eine sogenannte Diskussion stattfinden, wie Präsident Müller Esterl in großer Geste angekündigt hatte. Vorbereitet wurde jene, indem den Anwesenden mehrere Fotokopien einer Anhebung der Gedenkplaketten vor dem IG-Gebäude um geschätzte 5 cm präsentiert wurden. Nun klopfte man sich auf die Schultern, lächelte sich bei Kaffee und Keksen zu und bedankte sich brav beieinander für diese große Geste zur Aufarbeitung des deutschen Antisemitismus am IG-Farben Campus. Dass auch hier die Überlebenden von Buna/Monowitz seit Jahrzehnten die komplette Aufstellung dieser Tafel fordern und dies strukturell ignoriert wird, spricht für sich; genau wie der Aspekt, dass solche Selbstverständlichkeiten überhaupt gefordert und erstritten werden müssen.
Müller Esterl räumte nun 45 Minuten Redezeit für die „ausführliche Diskussion“ ein. Prof. Dr. Lutz Bachmann, Philosoph und Dekan des Fachbereichs 08, sollte nun die netten Alternativvorschläge vorstellen, die sich die exklusive Kommission ausgedacht hatte. In patriarchal großväterlicher Geste berichtete er nun 35 Minuten ausführlich über sogenannte „Kompromissvorschläge“. Trotzdem „die ganze Angelegenheit“ mit dem KZ und Norbert Wollheim ein „hochemotionales Thema“ sei, bat Bachmann um ruhige Gemüter. Die Anwesenden sollten sich nicht aufregen, ruhig bleiben und lieber mal nach einem harmonischen Konsens suchen. Der Patriarch erkannte in seiner Gerissenheit auch sofort, was eine sich zu Wort meldende Frauenrätin zu sagen hatte: Ja, leider ist Norbert Wollheim ein männlicher Überlebender; noch ein Grund, ihn nicht zu wählen. In weiser Voraussicht, dass eine Frauenrätin natürlich nichts anderes zu sagen hätte als das, was er ohnehin schon selber wisse, nahm er ihre Wortmeldung erst gar nicht an, sondern fuhr mit seiner geplanten Rede in charmanter Manier fort.
Die Universität lobte er nun mit sich selbst übertreffenden Euphemismen als eine Institution, die „ungewöhnliche Maßnahmen“ in Bezug auf die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit bewerkstelligen würden. Gemeint waren die von ihm sogenannten „Plaketten“ die „das IG-Gebäude schmücken [sic!]“ würden, sowie das Norbert Wollheim Memorial, was auf Forderung der Überlebenden, mit Unterstützung der Studierenden entstand. Dass das Gedenken an ein KZ und deren Überlebende ein schmückendes Accessoire sei, ist schon abstoßend genug, doch Lutz Bachmann setzte noch einen Euphemismus oben drauf, als er hervorhob, dass es derartig lieb und bewundernswürdig von der Goethe Uni sei, dass das „Fritz Bauer Institut kostenlos bei uns [sic!] wohnen dürfe“. Die Goethe Uni diene weltweit als Vorbild, so Bachmann, was eine aktive Auseinandersetzung mit einer „schwierigen Zeit“ betrifft. Und das die Studierenden das nicht schätzen könnten, und sich jetzt anmaßten, aufzumucken, das sei ja überhaupt nicht nett. Schließlich habe „man sich ja auf eine konsensuale Gesprächskultur“ geeinigt, wo Emotionen doch bitte im Interesse rationaler Überlegungen außen vor bleiben sollten.
Nach dieser Lobpreisung „ungewöhnlicher Maßnahmen“ forderte Bachmann zwei Gäste zur Rede auf, die dann die 45 Min. der „Diskussion“ voll machen sollten. Primäres Rederecht haben im Senat Senatsmitglieder und ihre Vertreter*innen. Doch Bachmann ist ein Freund der Harmonie und gestattet in Ausnahmefällen auch „Auswärtigen“ das Wort. Natürlich nur, wenn sie ebenfalls auf Konsens aus sind: nimmer Dissens, bloß kein Streit, könnte sein Motto heißen. So konnte der Rechtshistoriker Prof. Dr. Michael Stolleis – 2004 beteiligt an der Diskussion um die Umbenennung – noch mal vom „Konsens“ sprechen, der einmal gefunden wurde und der nicht gebrochen werden dürfe. Konsens meint hier, die Uni habe sich intern schon 2004 darauf geeinigt, nicht zu viel an das KZ Buna Monowitz zu erinnern, denn dann würde es ja heikel werden mit der Exzellenz. Stolleis imaginierte sich lieber einen herrschaftsfreien Diskurs herbei, in dem sich ja schon einmal „alle einig waren“. In sein „wir“ bezog er auch die Überlebenden mit ein. Dass dies schlicht falsch ist, zeigt die erneute Forderung der Jewish Claims Conference, des Fritz Bauer Instituts, sowie die des „Treffpunkts“ für Überlebende der Shoah und ihre Familien, die Universitätsadresse umzubenennen3.
Dass es darüber hinaus auch eine höchst problematische Geste ist, in Bezug auf die Aufarbeitung der Vergangenheit der Gothe Uni vom längst getroffenen „Konsens“ zu sprechen, fand kaum Anklang im Präsidium.
Stolleis sprach im Zusammenhang mit diesem „Konsens“ von „abgeschlossener Geschichte“ die nicht wieder aufzurütteln sei. Müller-Esterl und Bachmann nickten bedächtig bei diesen großen Worten. Nach 45 Minuten durfte dann Prof. Dr. Hans-Jürgen Puhle noch mal erläutern, dass die Uni ja eigentlich „nicht so viel mit Wollheim zu tun habe“ und er die Aufregung nicht verstehe. Während die Asta Vorsitzende Myrella Dorn eine Rede der Norbert Wollheim Initiative vortrug, wollte Puhle lieber seinen Beisitzern ein Ohr abkauen, statt zuzuhören. Die großen Männer hatten ja schließlich gesprochen und die 45 Minuten waren vorbei.
Nun wurde die „Entscheidung“ über die Umbenennung wieder mal vertagt und der Präsident überredete auch den Ortsbeirat, ihre Sitzung zu Norbert Wollheim wiederholt zu verschieben. Auch die, von einigen Senator*innen geforderte nochmalige Senatskommission zur Diskussion der Umbenennung, fand nicht statt. Dazu hätte bis zum 09.07.2014, zwei Wochen vor der nächsten Senatssitzung am 23.07.2014, eine Einladung rausgehen müssen. Jene wurde nie verschickt.4
Dies ändert nichts daran, dass die Auffassung von Geschichte als Wirklichkeit, deutschem Antisemitismus und deutscher Vergangenheitspolitik – nicht zuletzt an diesem Tag – auf prekäre Weise präsentiert wurde. Vor allem ein Philosoph wie Bachmann, dessen Wissenschaft im Allgemeinen laut Müller Esterl mit dem Umzug ins IG Farben Gebäude „[…] in den Dienst einer humanen Entwicklung […] [gestellt]“5 wurde, hätte vielleicht ein paar reflexivere Gedanken, ungeleitet von Interessenspolitik oder Harmoniesehnsucht, finden können. Dem war leider nicht so. Gegenüber den Überlebenden ist das Verhalten der Leitung der Goethe Universität widerlich genug, nicht mal unter moralisch verschärften Bedingungen (KZ Opfer fordern zum wiederholten male dass ihr „letzter Wunsch“ geschehe) ringt sich die Universität der „Dichter, Denker und Mäzenen“ zu einer minimalen Geste durch.

Eine Umbenennung der Postadresse ist ein winzig kleiner Schritt, wenn nicht gar das Mindeste was deutsche Akademiker*innen im Hause des Chemiekonzerns, dessen Tochterfirma Zyklon B herstellte, tun müssten.
Aber im Jahr des 100-jährigen Bestehens der Goethe-Universität sind es immer noch alte deutsche Professoren [sic!], die sich anmaßen darüber bestimmen zu können, wie die Erinnerung an die industrielle Judenvernichtung im Nationalsozialismus und jüdische Überlebende auszusehen hat.

1 Tocotronic: Harmonie ist eine Strategie. Vom Album: Kapitulation 2007 bei Vertigo Records erschienen.
2 http://www.copyriot.com/gramsci/buna-resolution.html. Zuletzt aufgerufen am 06.07.2014
3 http://www.fritz-bauer-institut.de/fileadmin/downloads/Offener-Brief-Wollheim.pdf, https://wollheim.files.wordpress.com/2014/07/brief-treffpunkt.pdf. Zuletzt aufgerufen am 10.07.2014.
4 Aktuelle Informationen zur Umbenennungsdebatte finden sich hier: http://wollheim.wordpress.com/. Zuletzt aufgerufen am 12.07.2014.
5 Prof. Dr. Müller Esterl, Rede zum Norbert Wollheim Memorial, 27.02.2011.